ADHS galt lange Zeit als eine „Kinderkrankheit“, die sich bis zum Erwachsenenalter zurückbildet. Studien haben aber gezeigt, dass etwa 70% der betroffenen Kinder und Jugendlichen auch noch im Erwachsenenalter unter typischen ADHS-Symptomen und damit verbundenen Alltagsproblemen leiden. Hierfür brauchen die Betroffenen gezielte Therapie und Hilfen.
ADHS ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit- / Hyperaktivitätsstörung. ADHS bezeichnet eine psychische Erkrankung von Kindern, Jugendlichen oder Erwachsenen, die durch folgende Kernsymptome gekennzeichnet ist:
[Film zur Erkrankung]
Die 1-Jahresprävalenz (Anzahl Betroffene pro Jahr) von ADHS im Erwachsenenalter liegt altersabhängig abnehmend bei persistierenden ADHS bei 2.58% (1.51-4.45) und bei symptomatischen ADHS bei 6.76% (4.31-10.61). Bei 70,3 Millionen Erwachsenen in Deutschland liegt die jährliche Anzahl von ADHS im Erwachsenenalter zwischen 1,8 und 4,8 Millionen Betroffenen. In der ambulanten Psychiatrie, also z.B. bei einem niedergelassenen Facharzt für Psychiatrie oder in der psychiatrischen Ambulanz eines Krankenhauses haben 15% aller Patienten ADHS.
ADHS hat drei Kernsymptome: Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität. Die Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen finden sich bei den meisten Erwachsenen. Dagegen bildet sich die im Kindesalter häufig ausgeprägte Hyperaktivität zurück und zeigt sich durch ein Gefühl innerer Unruhe. Die innere Unruhe führt zu einem Gefühl der Ruhelosigkeit und tritt insbesondere in Situationen auf, in denen man stillsitzen oder sich konzentrieren muss. Die Impulsivität ist bei Erwachsenen häufig damit verbunden, dass man Entscheidungen eher spontan trifft und nicht abwägt, Dinge nicht abwarten kann und insbesondere in Stresssituationen (z.B. im Straßenverkehr oder bei Streitigkeiten) „überreagiert“.
Aufmerksamkeitsstörungen
Die Aufmerksamkeitsstörungen zeigen sich insbesondere in Lern-, Ausbildungs- und Arbeitssituationen. Einige typische Anzeichen und Alltagschwierigkeiten im Erwachsenenalter sind: kurze Aufmerksamkeitsspanne, Konzentrationsschwierigkeiten, Schwierigkeiten sich dauerhaft zu konzentrieren, Schwierigkeiten an einer Sache dranzubleiben, rasche Ablenkung durch äußere Reize, Abschweifen durch störende Gedanken, gehäufte Flüchtigkeitsfehler, Probleme mit Organisation und Planung, Vergesslichkeit, Aufschieben von Tätigkeiten („Prokrastination“, „Aufschieberitis“).
Hyperaktivität
Bei Erwachsenen zeigt sich die Hyperaktivität als innere Unruhe. Einige typische Anzeichen und Alltagschwierigkeiten im Erwachsenenalter sind: innere Ruhelosigkeit und körperlicher Bewegungsdrang, Gefühl von Getriebenheit/Unfähigkeit, zur Ruhe zu kommen, Unwohlsein, Gereiztheit, wenn man zu körperlichem „Stillhalten“ gezwungen ist, ständiges Trommeln mit den Fingern/Wippen mit den Füßen, starker Rededrang, andere nicht aussprechen lassen, zu schnelles Fahren.
Impulsivität
Betroffene neigen zu unüberlegten, impulsiven Handlungen und Reaktionen. Einige typische Anzeichen und Alltagschwierigkeiten im Erwachsenenalter sind: Handeln oder Sprechen, ohne über Folgen nachzudenken, erhöhte Risikobereitschaft, kurz andauernde Wutausbrüche („Rot“ sehen bei kleinen Provokationen), schnelles häufiges Reden, beenden der Sätze anderer, Probleme zu warten, z.B. in der Schlange zu stehen, erhöhte Unfallneigung, Risiko im Straßenverkehr, unüberlegtes Kaufverhalten.
Es gibt drei Subtypen bei ADHS im Erwachsenenalter, Erscheinungsformen genannt:
ADHS im Erwachsenenalter erhöht das Risiko für psychische und körperliche Begleiterkrankungen.
Etwa 80% der Betroffenen haben mindestens eine psychische Begleiterkrankung. Insgesamt existieren etwa 10 psychische Erkrankungen, die bei ADHS gehäuft vorkommen, vor allem Depressionen, Angststörungen und Suchterkrankungen. Hinzu kommen 4 sogenannte Entwicklungsstörungen, hierzu gehören die Dyslexie (geschriebene Buchstaben werden nicht als grafische Einheit erkannt), Lese- und Rechtschreibschwäche, Dyskalkulie (Rechenstörung) und die sog. Dyspraxie (Verständnis des Körpers in seiner Orientierung und Position im umgebenden Raum nicht gut ausgebildet).
ADHS geht auch mit einem erhöhten Risko für körperliche Erkrankungen einher. Es handelt sich um etwa 20 körperliche Erkrankungen, deren Risiko durch ADHS erhöht ist. Dazu gehören beispielsweise Schilddrüsenerkrankungen, Diabetes, Schlaf-Wach-Störungen.
ADHS wird von genetischen und Umweltfaktoren verursacht:
ADHS kann erfolgreich behandelt werden, wenn eine genaue Diagnostik nach Behandlungsleitlinie durchgeführt wird. Für eine Diagnosestellung müssen folgende Kriterien erfüllt sein:
Entsprechend beinhaltet die Diagnostik von ADHS etwa 4-5 Schritte (Termine) mit insgesamt etwa 4-6h Dauer:
ADHS im Erwachsenenalter sollte immer „multimodal“ behandelt werden, d.h. aus einer Kombination von verschiedenen Hilfen, v.a. die Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie. Zu den wirksamen Therapien bei ADHS gehören:
Die Entscheidung, welche Hilfe die richtige ist, hängt von der Ausprägung der ADHS ab, d.h. von der Art und Schwere der ADHS-Symptome, von Art und Schwere von psychischen Begleiterkrankungen, von körperlichen Faktoren und der Entscheidung der Betroffenen. Zunächst erfolgen eine ausführliche Aufklärung und Edukation über ADHS. Dies ist die Basis für eine gemeinsame informierte Entscheidungsfindung bzgl. Therapie.
Psychoedukation
Beratung und Aufklärung können bei einer ADHS unterstützen und das Selbstwertgefühl verbessern. Ziele sind:
Medikamente
Zugelassene Medikamente in Deutschland:
Wirkung der Medikamente:
Psychotherapie
Die Psychotherapie kann ein wichtiger Bestandteil einer ADHS-Behandlung bei Erwachsenen sein. Zumeist wird eine kognitive Verhaltenstherapie angewendet. Einzel- sowie Gruppentherapien sind möglich.
ADHS kann mit einer Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie sehr gut behandelt werden. Bei einer frühzeitigen und konsequenten Behandlung ist die Prognose in der Regel positiv. Betroffene können ihre Symptome oft erheblich verbessern, was zu einer besseren Konzentration, emotionalen Stabilität und höheren Lebensqualität führt. Viele Erwachsene mit gut behandelter ADHS finden kreative Wege, ihre Stärken zu nutzen und erfolgreich zu arbeiten, während sie gleichzeitig ihre sozialen Beziehungen und Alltagstätigkeiten besser meistern. Ohne Behandlung kann es jedoch zu erheblichen psychischen Problemen kommen.
Prof. Dr. med. Martin Lambert
Projektleiter HOOU, stellv. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Dr. med. Jana Christina Müller-Flechtenmacher
Leitung Ambulanz AHDS im Erwachsenenalter, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Projektleiter HOOU, stellv. Klinikdirektor Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Leitung Ambulanz AHDS im Erwachsenenalter
Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie
Zugang nur für Studierende und Mitarbeiter:innen des UKEs
Aktuell führt die Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Bereich ADHS im Erwachsenenalter medikamentöse und psychotherapeutische Studien durch.
Die Spezialambulanz für ADHS im Erwachsenenalter im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ist Teil der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Die Spezialambulanz für ADHS im Erwachsenenalter findet sich unter folgender Adresse:
Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
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