Chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED) beschreiben eine Gruppe von chronischen Erkrankungen, die durch wiederkehrende oder dauerhafte Entzündungen des Magen-Darm-Trakts gekennzeichnet sind. Die Hauptformen sind Morbus Crohn, bei dem der gesamte Magen-Darm-Trakt von Mund bis Rektum betroffen sein kann, und Colitis ulcerosa, die hauptsächlich im Dickdarm und Rektum auftritt.
[Film zur Erkrankung]
Die Erkrankung tritt häufig im Alter von 15 bis 35 Jahren auf, kann jedoch prinzipiell in jedem Alter entstehen. In den letzten Jahrzehnten hat die Prävalenz, insbesondere in Industrieländern, zugenommen.
Jährlich erkranken in Deutschland etwa 12 von 100.000 Menschen neu an einer CED, was rund 10.000 Neudiagnosen pro Jahr entspricht (Herold, Gerd. Innere Medizin 2024. Walter de Gryter GmbH & Co KG, 2023).
Typische Symptome von CED sind Bauchschmerzen, häufiger Stuhldrang, Durchfall (teils blutig oder mit Schleimauflagerungen), Gewichtsverlust und Blähungen. Zusätzlich können extraintestinale Symptome auftreten, wie Fieber, Müdigkeit, Entzündungen der Augen und Gelenke. Schwerwiegende und seltene Komplikationen umfassen Stenosen (Engstellen) im Magen-Darm-Trakt, Perforationen, Blutungen, ein erhöhtes Risiko für kolorektale Karzinome und Malabsorption, also die gestörte Aufnahme von Nährstoffen wie Eisen, Vitamin B12 und Folsäure.
Die Ursachen sind multifaktoriell und umfassen genetische, immunologische und Umweltfaktoren. Vermutet wird ein Zusammenspiel aus einer Barrierestörung im Darm, einer pathologisch gesteigerten Immunreaktion, einem veränderten Mikrobiom und lokalen Gewebsschäden durch die Entzündung.
Die Diagnostik einer CED umfasst mehrere Schritte. Zunächst erfolgt eine Anamnese und körperliche Untersuchung, bei der zum Beispiel eine familiäre Vorbelastung erfragt wird. Blut- und Stuhltests sind ebenfalls wichtige Bestandteile der Diagnostik: Dazu zählen die Bestimmung von Calprotectin, einem Marker für entzündliche Aktivität im Darm, der Ausschluss bestimmter Bakterien oder Viren sowie die Messung von Entzündungsmarkern im Blut.
Bildgebende Verfahren werden eingesetzt, um Entzündungen, Stenosen, Fisteln, Darmwandverdickungen und Abszesse zu identifizieren. Dazu zählen die Darmsonographie zur Beurteilung der Durchblutung und Wandverdickung, MRT nach Sellink zur Darstellung von Dünn- und Dickdarm, MRT des Beckens zur Fisteluntersuchung und CT des Abdomens.
Eine Endoskopie mit Gewebsbiopsien ermöglicht die histologische Untersuchung und die direkte Beurteilung des Darms von innen. Hierzu gehören die Ösophagogastroduodenoskopie (ÖGD), die Koloskopie oder Sigmoidoskopie sowie, in seltenen Fällen, die Kapsel- oder Ballonendoskopie zur Untersuchung des gesamten Magen-Darm-Trakts.
Die Diagnose einer CED wird auf Basis der klinischen Befunde, der Bildgebung, des endoskopischen und histologischen Bildes sowie des Ansprechens auf die Therapie gestellt.
Das Hauptziel der Behandlung von CED ist die Heilung der Schleimhaut und der Entzündung, um sowohl Symptome als auch Komplikationen zu reduzieren. Eine Ernährungsumstellung und unterstützende Maßnahmen sind wichtig; dazu gehört eine ausgewogene Kost sowie das Meiden von Nahrungsmittelunverträglichkeiten (z.B. Laktose bei bestehender Laktoseintoleranz) und hochprozentigem Alkohol. Ebenso sollten nicht-steroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen oder Diclofenac vermieden werden, da sie Entzündungsschübe fördern können.
Die medikamentöse Therapie unterscheidet zwischen Remissionsinduktion und Remissionserhaltung und erfolgt in Abhängigkeit von der Schwere der Erkrankung. Sulfasalazin oder Mesalazin werden bei leichter bis mäßiger Aktivität eingesetzt und können topisch (z.B. als Zäpfchen oder Einläufe) oder oral verabreicht werden. Kortikosteroide können ebenfalls eingesetzt werden, wobei sie in verschiedenen Formen (lokal, oral oder intravenös) verabreicht werden, jedoch nicht als Dauertherapie, sondern nur kurzfristig während eines Schubs.
Für Patient:innen, bei denen die Entzündung mit Kortison nicht kontrolliert werden kann, sind immunmodulierende Therapien sinnvoll. Hierzu zählen Immunmodulatoren wie Azathioprin oder Methotrexat, Antikörpertherapien (Biologika) sowie small molecules, die an verschiedenen Punkten der Entzündungsreaktion ansetzen. Die Auswahl der Medikamente hängt von Vorerkrankungen, Nebenwirkungsprofilen und der Darreichungsform ab und wird individuell in Absprache mit Ärzt:innen getroffen. Im Verlauf der Erkrankung kann es notwendig sein, die Medikation zu wechseln, etwa wenn Antikörper gegen das Medikament gebildet werden oder ein Wirkverlust auftritt. Der vollständige Wirkeintritt kann einige Wochen bis Monate dauern und sollte regelmäßig kontrolliert werden, beispielsweise durch Calprotectin-Messungen, Sonographien und Endoskopien.
Chirurgische Eingriffe können notwendig sein, etwa zur Entfernung von Stenosen (Verengungen im Darm) oder bei nachgewiesenem Krebs. In schwerwiegenden Fällen kann eine Kolektomie erforderlich werden, wobei oft ein künstlicher Darmausgang angelegt wird, der später rückverlegt werden kann. Endoskopisch können Stenosen aufgedehnt werden. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen, insbesondere zur Darmkrebsvorsorge, sind entscheidend und hängen von der entzündlichen Aktivität sowie der Beteiligung des Dickdarms ab. Bei immunsuppressiven Therapien sollte zudem auf einen aktuellen Impfstatus und Hautkrebsvorsorge geachtet werden, wobei Lebendimpfungen oft nicht durchführbar sind. Zusätzlich kann eine Substitution von bestimmten Nährstoffen und Vitaminen, wie Vitamin D, B12, Folsäure und Eisen, notwendig sein. Regelmäßige Kontrollen, meist alle drei Monate, umfassen klinische Untersuchungen und Laborkontrollen (Blut und Stuhlproben), sowie alle sechs bis zwölf Monate eine Darmsonographie und abhängig von der entzündlichen Aktivität regelmäßige Koloskopien.
Der Verlauf von CED ist sehr unterschiedlich. Einige Patient:innen erleben einen milden Krankheitsverlauf und benötigen keine dauerhafte Therapie, sondern lediglich während akuter Schübe eine Behandlung. Andere hingegen haben eine hohe Entzündungsaktivität und sind auf eine lebenslange immunmodulierende Therapie angewiesen. Obwohl eine Heilung nicht möglich ist, kann die Erkrankung langfristig in den meisten Fällen gut behandelt werden.
Prof. Dr. med. Samuel Huber
Klinikdirektor, Leiter der molekularen Gastroenterologie und Immunologie und Facharzt für Innere Medizin und Gastroenterologie
Dr. med. Thorben Fründt
Oberarzt, Leiter der CED Ambulanz und Facharzt für Innere Medizin
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Zugang nur für Studierende und Mitarbeiter:innen des UKEs
Die Forschung zu CED umfasst sowohl Grundlagenforschung als auch klinische Studien, die von verschiedenen Projekten und Förderprogrammen getragen werden.
Forschungsgruppen und Projekte
Zu den wichtigen Forschungsinitiativen gehören die Gruppen KFO 306 und SFB 1328 sowie EU-Projekte wie MiGut Health und der ERC Consolidator Grant REPAIR. Darüber hinaus unterstützt das BMBF das iSTAR Advanced Clinician Scientist Programm.
Schwerpunkte der Grundlagenforschung
Die Forschung auf molekularer Ebene konzentriert sich auf die Regulation der TH17-Zellen und deren Wanderung zwischen Darm und anderen Organen, die Kontrolle dieser Zellen durch regulatorische T-Zellen und die Modulation ihrer Plastizität. Weitere Projekte untersuchen das IL-22/IL-22BP-Netzwerk für gezielte Therapien sowie die komplexe Interaktion zwischen Immunsystem, Mikrobiom und Darmbarriere.
Klinische Forschungsprojekte
Zu den klinischen Studien gehören die Untersuchung des Einflusses einer glutenfreien Diät auf den Krankheitsverlauf von CED-Patienten und das IVIMI-Projekt, das die Interaktion von Immunzellen, Mikrobiom und Darmgewebe erforscht. Weitere Projekte wie GUIDE-IDB fokussieren sich auf die molekulare Medizin in der CED-Therapie, während andere Studien die Rolle verschiedener T-Helferzellen bei der intestinalen Inflammation untersuchen. Im Rahmen des SOMACROSS-Projekts (SOMA.GUT) werden zudem neue, nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten für Beschwerden bei Colitis ulcerosa und Reizdarmsyndrom erforscht.
Das Forschungsprojekt SFB1328 A03 unter der Leitung von Hans-Willi Mittrücker und Samuel Huber untersucht die Rolle des Immunsystems bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Ein zentraler Fokus liegt auf der Rolle des Nicotinic acid adenine dinucleotide phosphate (NAADP), auf die Entstehung und Aufrechterhaltung von Entzündungsprozessen. Insbesondere untersucht das Projekt molekulare Signalwege und Immunmechanismen, die zur chronischen Entzündung beitragen, mit dem Ziel, neue therapeutische Ansätze zu entwickeln. Die Ergebnisse können dazu beitragen, personalisierte Behandlungen für CED-Patienten zu fördern und die Grundlagen für innovative Therapien zu schaffen.
Am UKE werden CED in spezialisierten Ambulanzen für Privatpatient:innen sowie gesetzlich versicherte Patient:innen behandelt. Bei der Erstvorstellung erfolgt eine umfassende Sichtung der Vorbefunde, Anamnese, körperliche Untersuchung und ein Ultraschall. Bei Bedarf wird eine Endoskopie oder weitere Diagnostik geplant. Falls eine Biologikatherapie notwendig ist, wird diese über den Infusionsraum oder die Privatambulanz durchgeführt. Das UKE bietet Patient:innen auch die Möglichkeit, an klinischen und grundlagenwissenschaftlichen Studien teilzunehmen. Die Behandlung erfolgt durch ein interdisziplinäres Team aus Gastroenterologie, Endoskopie und Chirurgie, wodurch eine umfassende Betreuung gewährleistet wird.