Die Kraft der Erwartung

Eine Tablette sorgt für spürbare Schmerzlinderung, obwohl sie aus Zucker besteht – der klassische Placebo-Effekt, keine Einbildung, sondern wissenschaftlich nachweisbar. Sein Mechanismus basiert auf Erwartungen, und die können sogar dafür sorgen, dass Nebenwirkungen eines Medikaments einen positiven Effekt haben.


Text: Ingrid Kupczik, Fotos: Axel Kirchhof

MRT Gehirn Büchel
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Blick ins Gehirn mit einem Magnetresonanztomographen (MRT)

Dies belegt eine Studie am Institut für Systemische Neurowissenschaften, die kürzlich mit dem Ig-Nobelpreis für Medizin, einer Art alternativer Nobelpreis, der das Ungewöhnliche feiert und forscherische Kreativität belohnt, ausgezeichnet wurde. „Erwartungsgemäß lösen Informationen über Nebenwirkungen eines Medikaments bei den Patient:innen sogenannte Nocebo-Effekte, also negative Wirkungen, aus“, erklärt Dr. Lieven Schenk. „Wir wollten feststellen, ob diese Nebenwirkungen auch positive Erwartungen steigern können, weil man denkt, dass man ein starkes Medikament erhält.“

Den rund 80 Testpersonen wurde ein Nasenspray verabreicht, das angeblich ein Schmerzmittel enthielt. In einer Bedingung erhielten die Probanden stattdessen eine wirkneutrale Kochsalzlösung mit einer geringen Dosis Capsaicin. Dieser von Chilischoten bekannte Scharfmacher verursachte ein leichtes Brennen in der Nase und sollte als Nebenwirkung wahrgenommen werden. In der anderen Bedingung erhielten die Testpersonen nur die Salzlösung. Im Anschluss wurde bei allen Proband:innen ein experimenteller Hitzeschmerz auf der Haut gesetzt. Dabei zeigte sich, dass die Testpersonen beim leicht brennenden Nasenspray über eine deutlich geringere Schmerzwirkung berichteten, als bei der Salzlösung. „Vermutlich wird diese Nebenwirkung als Zeichen der besonderen Wirksamkeit interpretiert, nach dem Motto: Keine Wirkung ohne Nebenwirkung“, sagt der Wissenschaftler.

Ein komplexes Netzwerk, das Schmerzempfindungen entgegenwirkt

Bei der Wiederholung des Versuchs in der Röhre des Magnetresonanztomographen (MRT) legten die Beobachtungen den UKE-Forschenden nahe, dass die Wirkung über das absteigende schmerzmodulierende System des Körpers vermittelt wird. „Dies bestätigt den zugrundeliegenden neurobiologischen Mechanismus“, so Schenk. Das schmerzmodulierende System ist ein komplexes Netzwerk im Körper, das Schmerzempfindungen entgegenwirkt oder diese abschwächt – „evolutionstechnisch eine wichtige Funktion. Wenn man vorm Tiger wegrennen muss, dann sollte man in dem Moment keine Schmerzen empfinden, deshalb muss der Körper seinen eigenen Schmerz regulieren können.“ Dabei greift das Gehirn über absteigende Bahnen aktiv in die Schmerzverarbeitung ein; schmerzhemmende Opioide und unterstützende Neurotransmitter werden freigesetzt.

Aufgrund der Studienerkenntnisse schlägt Dr. Schenk vor, dass es sinnvoll sein könnte, im Beipackzettel eines Medikaments sowie in der ärztlichen Aufklärung darauf hinzuweisen, „dass Nebenwirkungen Teil des Medikaments sind und auch ein Hinweis darauf, dass das Mittel in ihrem Körper wirkt.“ Diese Herangehensweise könne nicht nur dazu beitragen, den Nocebo-Effekt zu reduzieren, sondern auch den Placebo-Effekt zu fördern. Damit könne der Behandlungserfolg gesteigert werden. „Wichtig wäre eine Wiederholung der Ergebnisse in einer klinischen Stichprobe, bevor eine klinische Anwendung empfohlen werden kann“, sagt Dr. Schenk.


Prof. Büchel, Dr. Schenk MRT Hirnscan
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Prof. Büchel (r.) und Dr. Schenk analysieren die MRT-Aufnahme

Placebo hat oft noch negativ gefärbt

Institutsdirektor Prof. Dr. Christian Büchel hält den Begriff Placebo-Effekt in dem Zusammenhang für irreführend. „Es ist ja nicht das Scheinmedikament, das funktioniert, sondern die damit verknüpfte Erwartung.“ Außerdem habe „Placebo“ noch immer noch eine gewisse negative Färbung, „zumindest bei älteren ärztlichen Kolleg:innen.“ Er selbst habe im Studium noch gelernt: Wenn der Patient auf ein Placebo reagiert, dann ist es der beste Beweis dafür, dass er nichts hat. „Diese Einstellung hat sich zum Glück dramatisch verändert.“

Vielfach belegt ist, dass bei Patient:innen, die eine bewusste positive Erwartung an ein verabreichtes Medikament haben, dieses besser wirkt als bei denjenigen, die diese Wirksamkeit nicht erwarten. „Erwartung ist der weitaus wichtigste Wirkfaktor“, betont Prof. Büchel. Erfahrungen spielen ebenfalls eine große Rolle: „Wenn die Behandlung beim letzten Mal geklappt hat, wird es wahrscheinlich auch beim nächsten Mal funktionieren. Dagegen dürfte nach zwei gescheiterten Schmerztherapien die Erwartung beim dritten Anlauf negativ sein.“

Empathie und Zeit fürs Zuhören wichtig für Behandlungserfolg

Nicht nur Eigenschaften eines Medikaments können Placebo-Effekte beeinflussen. Die positive Erwartung an eine Behandlung beginnt schon viel früher, bei der freundlichen Begrüßung an der Rezeption, beim guten Gespräch mit Arzt oder Ärztin. „Am besten ist es, evidenzbasierte Medizin mit dem Placebo-Effekt, also einer positiven Erwartung, zu kombinieren, um optimalen Behandlungserfolg zu erzielen“, betont Wissenschaftler Lieven Schenk. Vertrauensvolle Beziehungen, Empathie, Zeit fürs Zuhören wären lauf Prof. Büchel „gute Bedingungen, um die Erwartungen an echte Medikamente zu steigern.“